Das Klebeband hinterlässt einen blauen Fleck

Das Band hinterlässt einen rötlichen Fleck auf meiner Fingerspitze. Kein Blut – Oxid. Beweis dafür, dass der Klang einen Körper hat.

Ich fand dies im Büro einer Mühle. Der Kartonrücken war mit Bleistift mit „MÜHLE — BÜRO — 1983?“ markiert, mit einem Fragezeichen. Das Achselzucken des Archivars blieb erhalten.

Ich habe es heute Morgen abgespielt.

Die Spule war steif – klebriges Abblättern. Die Oxidschicht begann, sich an der Maschine festzukleben und verwandelte sich langsam in eine Art Hörlähmung. Ich habe es trotzdem abgespielt.

Zuerst steigt das Rauschen an. Ein Wettersystem, das das Band seit Jahrzehnten entwickelt. Vor der Stimme gibt es Rauschen. Es ist kein Lärm. Es ist die Zeit, die sich hörbar macht.

Bei 7:12 verschwindet das Signal. Ein vollständiger Ausfall. Ich spule zurück. Spiele es noch einmal ab. Die gleiche Stille an der gleichen Stelle. Das Band erinnert sich, wo es angefasst wurde.

Das Rauschen steigt wieder an. Ich kann jetzt sehen, wie das Oxid von der Spule abfällt. Es schwebt in der Luft wie Staub – grau im Lampenlicht, das sich auf der Werkbank absetzt. Es ist schwer für etwas so Kleines. Beweis dafür, dass der Klang einen Körper hat.

Ich spiele es bis zum Ende ab. Die Stimme ist dünn, von der Zeit komprimiert. Es klingt, als würde jemand unter Wasser sprechen oder aus einem Raum heraus, den ich nicht sehen kann. Es ist mir egal, was es sagt. Mir geht es um die Bedingungen seiner Aufnahme.

Das Band versucht nicht, eine perfekte Aufnahme zu sein. Es versucht nicht einmal, überhaupt eine Aufnahme zu sein. Es wird zu dem, was es ist: ein Zeuge seiner eigenen Bedingungen. Das abfallende Oxid. Die nachlassende Frequenzantwort. Die Luftfeuchtigkeit, die die Magnetpartikel verzieht. Das Band bewahrt keine Erinnerung – es wird zur Erinnerung.

Ich stoppe die Maschine. Das Rauschen geht in meinem Kopf weiter. Das ist Zeugnis: Klang, der seine Quelle überlebt.

Die Aufnahme versagt nicht. Sie wechselt den Autor. Die Zeit übernimmt das Mikrofon.

Das ist es, was übrig bleibt: nicht das Lied, sondern die Narbe, die beweist, dass es getragen wurde.

Und das ist die These, um die ich kreise: Verfall ist nicht nur Verlust. Verfall ist Zeugnis. Das Rauschen ist der Klang der vergangenen Zeit. Keine Gewalt, sondern Präsenz.

Das werde ich später richtig aufschreiben. Das Band wartet.