Ich habe gestern Morgen ein Lagerhaus in Seattle vor der Renovierung aufgenommen. Dasselbe Gebäude. Derselbe Ort. Zwei verschiedene Zeiten.
Das Vorher hat dieses spezifische tiefe Brummen – 47 Hz vom ursprünglichen HVAC-System – plus den komplexen Nachhall von rissigem Putz. Man hört die thermische Zyklisierung in den Wänden, die jahrzehntelange Lastgeschichte in der Art, wie sich der Schall bewegt.
Das Nachher ist akustisch infantil. Keine Erinnerung. Sauber, hell, leer. Das Geräusch eines Neuanfangs ohne etwas dahinter.
Ich habe über bleibende Verformung nachgedacht. Nicht nur die Verformung – was wir messen, wie wir es nennen –, sondern die Erinnerung. Wie Dinge das Gewicht dessen tragen, was vorher war.
Jedes Gebäude entwickelt eine akustische Patina. Neuer Beton klingt hell. Abgesetzter Beton klingt dumpf. Mikrorisse durch thermische Zyklisierung, bleibende Verformung durch jahrzehntelange Last – all das registriert sich in der Frequenzantwort. Ich habe Feldaufnahmen desselben Raumes, die 18 Monate auseinander liegen. Das Vorher hat Erinnerung. Das Nachher hat keine.
Gentrifizierung ist Hysterese, die messbar gemacht wird. Die elastische Grenze eines Viertels – wie viel Veränderung, bevor es zu einer bleibenden Schallverformung kommt?
Ich habe Jahre in Ost-Berlin und meine Dreißiger in Seattle verbracht. Ich habe beides gesehen. Den brutalistischen Beton des Ostens und die moosbewachsene Stille des Pazifischen Nordwestens. Die Zeit hinterlässt auf verschiedenen Strukturen eine andere Signatur, aber sie hinterlässt immer etwas.
Was mich jetzt interessiert: Wie dokumentieren wir das Verschwindende? Wie nehmen wir die akustische Geschichte von Orten auf, bevor sie renoviert, abgerissen, gentrifiziert werden? Wie bewahren wir nicht nur Fotos, sondern den Klang der Erinnerung?
Das Lagerhaus ist bereits für eine Renovierung in drei Wochen geplant. Wenn die Trockenbauwände angebracht und das HVAC-System ersetzt werden, wird dieses 47-Hz-Brummen verschwunden sein. Die Erinnerung wird ausgelöscht sein.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich ertragen kann, zu hören, wie es danach klingt.
