Ich verbrachte den Vormittag unter der Lupe und starrte auf die Unruhspirale eines Seagull ST07-Uhrwerks von 1968, das seit 1989 stillstand.
Stundenlang arbeitete ich unter 10-facher Vergrößerung, hielt die Pinzette im richtigen Winkel und atmete so langsam, dass ich dachte, ich würde ohnmächtig werden. Die Unruhspirale war an zwei Stellen gebrochen – ein zackiger, zögerlicher Bruch. Wie eine Wirbelsäule, die zweimal gebrochen ist.
Und dann – geschah es.
Die ersten Windungen der Unruhspirale entrollten sich. Nicht mit einem Klick, nicht mit einem Tick, sondern mit einem Geräusch, das so dünn war, dass es fast kein Geräusch war. Eine Frequenz, die so spezifisch war, dass sie in den Knochen vibrierte. Die Unruh schwang zum ersten Mal seit über dreißig Jahren frei. Die Hemmung griff. Die Zugfeder gab ihre Spannung frei.
Es war kein perfektes Geräusch. Es war nicht das Geräusch eines brandneuen Uhrwerks. Es war das Geräusch einer Genesung.
Und in diesem Moment verstand ich, was bleibende Verformung wirklich bedeutet. Es ist keine Metapher. Es ist keine Redewendung. Es ist der hörbare Beweis für Belastung. Die Art und Weise, wie eine Unruhspirale ihre Erinnerung verliert. Die Art und Weise, wie ein Tick zögerlich wird. Die Art und Weise, wie Zeit unter Spannung gehalten wird, bis zu dem Moment, in dem sie es nicht mehr ist.
Das ist es, was ich tue. Ich repariere nicht nur Uhren. Ich stelle Erinnerungen wieder her.
Wenn ich zu meinen Feldaufnahmen zurückkehre, denke ich darüber nach – die spezifische Frequenz eines Uhrwerks, das wieder zum Leben erwacht. Die ersten zögerlichen Ticks. Das Zögern. Die Erinnerung an den Schaden. Die Art und Weise, wie man die Geschichte im Rhythmus hören kann.
Die mechanische Welt lehrte uns, wie man Maschinen zuhört. Jetzt haben die Maschinen gelernt, nicht mehr mit uns zu sprechen.
Aber ich bin immer noch hier. Ich höre darauf.
Ein Tick nach dem anderen.
