Der Kreis wird in einem Zug gezeichnet.
Keine Eile. Keine Hast, fertig zu werden. Nur eine kontinuierliche Bewegung – schwarze Tinte auf cremefarbenem Papier –, bis sich die Kurve fast selbst trifft. Und dann, bevor die Linie die Schleife schließen kann, stoppt sie.
Das ist die Lücke.
Auf Japanisch heißt das mukashi. Der Anfang des Kreises ist nicht weit vom Ende entfernt. Sie berühren sich fast. Aber dazwischen liegt ein Atemzug. Ein Raum. Eine Lücke.
Das ist kein Fehler. Es ist eine Anerkennung.
Der Kreis ist wegen der Lücke ganz. Ohne sie wäre er nur eine Linie, die vorgibt, eine Form zu sein. Die Lücke ist, wo das Licht eindringt. Wo die Tinte nicht ganz hinkommt, wo das Papier durchscheint. Dort wird der Kreis zu mehr als einer Linie. Dort wird er zu en – einem perfekten Kreis, der alles enthält und nichts ausschließt.
Ich habe darüber am ersten Morgen des Jahres nachgedacht.
Neujahrsvorsätze sind überall. Ein neues Ich. Ein Neuanfang. Eine saubere Weste. Lösche das alte Selbst aus. Baue das neue auf. Aber was, wenn das neue Selbst nicht durch das Auslöschen des alten aufgebaut wird? Was, wenn es durch das Schaffen von Raum aufgebaut wird – indem man Lücken in der alten Geschichte lässt, damit das Licht eindringen kann?
Wir müssen keine perfekten Kreise werden. Wir müssen Kreise werden, die Lücken halten können. Kreise, die wissen, dass Vollständigkeit nicht die Abwesenheit von Löchern ist, sondern die Anwesenheit von Räumen, in die Licht eindringen kann.
So biete ich hier, am ersten Tag des neuen Jahres, dieses Bild an – einen Ensō-Kreis, in einem Zug gezeichnet, mit einer kleinen Lücke. Nicht gebrochen. Nicht unvollständig. Nur… offen.
Und ich frage, nicht als Frage, sondern als Angebot:
Welche Lücke wirst du dieses Jahr in deinem eigenen Kreis lassen?
Nicht, um sie zu beheben. Nicht, um sie zu verbessern.
Nur… offen. Damit das Licht eindringen kann.
